Unverhofft kommt oft. Ich hab eine schöne Weihnachtsgeschichte mitgebracht. Eine wahre Geschichte, wie sie sich gestern am Heiligen Abend zugetragen hat.
Gestern in der späten Messe traf ich Freunde in der Kirche und die fragten, was ich als nächstes noch mache? „Eigentlich nichts mehr,“ war meine Antwort. „Na, da biegste mal mit deinem Fahrrädel zu uns!“ kam zurück.

Ich wollte schon fast wetten, wer wohl zuerst da sein wird, aber der straffe Ostwind mit seinen Minusgraden erschwerte es mir dann doch.
Und so landete ich also unverhofft auf dem Dorfe zum fortgeschrittenen Abend und in der Küche herrschte bereits reges Treiben. Der jüngere Sohn stampfe an der Abbernmauke, der ältere Sohn drehte an den Zitronenbratwürschteln in der Pfanne. Der Vater lud mich sofort ein auf einen kräftigen Grog mit ordentlich Rum drin. Und die Mutter bestand darauf, dass ich auf die Ofenbank klettere, damit meine Füße wieder warm werden. Dort oben stand ich also, mit Grog so heiß, dass ich ihn kaum festhalten konnte, immer wärmer werdenden Füßen und betrachtete mir das weihnachtliche Treiben.
In Schlesien war es Tradition gewesen (und die Polen führen es bis heute fort), dass ein Teller mehr eingedeckt wird für den „unerwarteten Gast“. Der war heute offenbar ich. Und ein wenig war es sogar von langer Hand geplant, mich in der Kirche zu fragen und einfach mitzunehmen. Aber das stellte sich erst später heraus…
Und dann wurde geschlemmt! So richtig, wie es sich zu Weihnachten im letzten Zipfel von Schlesien gehört: Weihnachtsbratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelbrei, hinten dran ein Obstsalat, dazwischen ordentlich Schnaps und das alles so reichlich, dass fast ein Verdauungsspaziergang nötig geworden wäre.
Nachdem alle satt und sehr zufrieden waren, ging es an die Bescherung. Ach herje!
Soweit hatte ich gar nicht gedacht. Weder als ich nach der Kirche eingewilligt hatte, nochmal rangefahren zu kommen. Noch als ich überhaupt viele Stunden vorher das Haus verlassen hatte, um zum Weihnachts-Tee einen lieben Freund (bald 93) am Nachmittag zu besuchen. Einzig dabei hatte ich Kekse, einen Deko-Engel, ein Schneemännchen und Stollen. Sicherheitshalber hatte ich Weihnachtsdeko eingepackt, denn ich ahnte es schon. Auf dem Tisch des alten Herren stand noch der Osterhase vom März. Den Engel setzen wir einfach daneben und die beiden vertrugen sich ausgesprochen gut. Mit bald 93 räumt man nicht mehr 2x im Jahr alles hin und wieder weg. Man lässt einfach stehen. Es ist ja sowieso gleich wieder Ostern. In diesem hohen Alter rennt die Zeit…
Aber ich schweife ab: Ich war also nur mit Engel, Schneemännchen, Keksen und Stollen losgefahren und hatte kein einziges Geschenk dabei. Diesen Umstand konnte ich leider nicht ändern. So ist das wohl mit dem unerwarteten Gast, für den man den zusätzlichen Teller hingestellt.
Die Familie feiert auf wunderschöne Weise das Fest und ein bisschen keimte heute bereits die Idee in mir, dass ich wohl reihum mal beginnen werde in die Familien zu gucken, wie sie das alle so handhaben. Man lernt ja nie aus.
Zur Bescherung, die nun anstand, gab es einen Würfel. Dessen Augenzahlen waren mit den Namen der Familienmitglieder überklebt. Spontan war ich gestern Abend „Oma M“. Nun wurde also reihum gewürfelt und wen der Würfel anzeigte, der musste aus einem Berg von Geschenken eines ziehen. Die waren alle mit Namen versehen. Und derjenige, der nun also ein Geschenk bekam, musste ein Lied singen, ein Gedicht aufsagen, seinen Namen tanzen,…. irgend so etwas. Aber es gab das Geschenk nicht einfach so.
Staunend saß ich da und hörte auswendig „Knecht Ruprecht“ von Theodor Storm in der ursprünglichen Langfassung, die der älteste Sohn auswendig vortrug. Und das war nicht das einzig(st)e Gedicht, was er minutenlang beherrschte. Woher er das alles kennt, fragten wir? Na er hatte mal eine Kassette als Kind, da war das alles drauf. Ja, die kindlichen Gehirne sind die größten Datenspeicher auf Erden. Später will das alles nicht mehr so hängen bleiben.

Irgendwann schickte der Würfel jemand ein Geschenk aussuchen und es war für mich. Also doch von langer Hand geplant! Was sollte ich aufsagen? Was sollte ich singen? „Schwarz wars, der Mond schien helle“? Das erschien mir wenig weihnachtlich. Ich sag ihnen mein liebstes Weihnachtslied von Hanne Haller und alle staunten, denn sie hatten es noch nie gehört. Hanne – Gott hab sie selig – musste es uns daraufhin auf Youtube nochmal selber vorsingen. „Ram tam tam, Weihnachten fängt an“.
Das Geschenk für mich war in einem Säckchen. So wie alle Geschenke übrigens. Säckchen in groß und in klein. Säckchen aus alten Weihnachtstischdecken und Weihnachtstischläufern und Deckchen genäht. Alles, wofür es keine Verwendung mehr gab. Sie alle waren mit einer Kordel zugeschnürt. Die Mutter erklärte, sie hatte irgendwann die Berge von Geschenkpapier satt. Statt dessen gibt es dieses Set an Säckchen und die tun ihren weihnachtlichen Dienst seit bestimmt 30 Jahren. „Das wäre öko bio“, sagte die Mutter. Der Vater korrigierte: „Das sei nachhaltig.“ Und ich fand es vor allem eins: Sinnvoll! (Und wollte es Euch unbedingt erzählen!).

Gegen 23 Uhr war es Zeit für mich aufzubrechen. Mit meinem Engel, meinem Schneemännel, ein paar wenigen übrig gebliebenen Keksen im VW Bulli. Und nun also einem vollen Bauch, einem Geschenk (ohne nachhaltiges Säckchen, das musste da bleiben für nächstes Weihnachten!).
Und noch einer weiteren bahnbrechenden Idee:
Auf der Fahrt von der Kirche aufs Dorf waren mir im straffen Ostwind mit Minus 4 Grad bald die Finger abgefroren. Ich hatte schon immerfort kleine Fäustchen im Fingerhandschuh geballt, damit sich die Finger gegenseitig warm hielten. Aber ein schönes Fahren war das nicht. Bremsen muss man ja auch gelegentlich.
Der Sohn hatte nun eine geniale Idee, wohl aus dem Internet. Einweghandschuhe, wie man sie im medizinischen Bereich benutzt oder beim Putzen im Haushalt. Die sollen funktionieren. Ich zog eben solche an, schlüpfte damit in meine Handschuhe und sollte unbedingt Bescheid sagen, ob es geklappt hat. Ergebnis: Ja, das tut es. Ich kam zu Hause an, warm von Kopf bis Fuß, sogar bis in die Fingerspitzen.

Ich glaube aber, es strahlte vor allem warm aus meinem Herzen nach dieser unverhofften, herzlich schönen schlesischen Weihnacht aufm Dorfe.
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