27 Jahre geht es mit der Straßenbahn in Görlitz im Kreis. Einmal durch das neue Wohnviertel, die „Neustadt“. Wir nennen es heute Innenstadt Ost und West oder Gründerzeit. In Zeiten von Elektromobilität und alternativer Fortbewegung, will ich vom Liniennetz erzählen, dass heute völlig unglaublich ist.
Anfänge als Pferdebahn 1890 – 1897
1890 startete die Ringbahn, zunächst noch als Pferdebahn. Sie ist 3,8 km lang und verbindet: Bahnhof – Blockhaus – Moltkestraße – Obermarkt – Bautzner Straße – Leipziger Straße – Bahnhof. Die Straßenbahn Görlitz unterhielt zu diesem Zeitpunkt insgesamt 3 Linien. Dafür besaß sie 12 Wagen und 58 Pferde, welche die Wagen zogen. Es brauchte also Straßenbahnfahrer, Wagenbauer (Lüders, Waggonbau!) und Mechaniker für die Wartung. Es brauchte Pferdeställe und jemand, der sich um die Tiere kümmerte. Es brauchte die Tiefbauer, die sich mit Gleisbau auskannten. Die Straßenbahn brachte also Arbeitsplätze und eine neue Beweglichkeit für die Einwohner.
Und weil das auch interessant ist: Die Straßenbahn Görlitz beförderte vom 1. Juni 1893 bis zum 31. Mai 1894 insgesamt 730.000 Fahrgäste und im Jahr darauf nochmal 4.000 Fahrgäste mehr.
Elektrisch ab 1897
Ab 2. Dezember 1897 fährt die Ringbahn elektrisch. Auch das musste „gebaut“ werden. Mit der Zeit baute man Ausweichstellen, so das sich zwei Ringbahnen begegnen konnten und aneinander vorbei kamen. Ab da ging es in beide Richtungen im Kreis. 1917 wird diese Linie nach 27 Jahren eingestampft.
Hier das unglaubliche Liniennetz:
Von Bismarckstraße in Mühlweg und Moltkestraße
Ich habe eine alte Karte gefunden von 1897, auf der der genaue Linienverlauf drauf ist. Dazu verlinke ich auf Postarten und Fotos im Netz, wo man die Bahn selbst oder den Gleisverlauf sehen kann.
Hier kommt sie aus der Bismarckstraße, fährt gerade durch den oberen Teil des Mühlweges und wird gleich in die Moltkestraße abbiegen. Zu einer Postkarte (diese zeigt Linie 3, die eigentlich nach Moys fuhr. Man sieht aber schön den Abzweig in die Moltkestraße).

Durch die Moltkestraße
Huch, Gleise in der Moltkestraße? Ja, das war die Ringbahn von Görlitz, 1890 – 1917!
Zur Postkarte.

Blockhausstraße
Da kommt die Ringbahn aus der Moltkestraße und fährt weiter in die Blockhausstraße. Man fragt sich immer, wie ist die um die Kurven gekommen ohne umzufallen. Aber sie fuhr einfach auf der Mitte der Straße. Zur Postkarte.

Durch die östliche Bahnhofstraße
Heute kennen wir die Straßenbahn nur noch zwischen Jakobstunnel und Bahnhof. Damals jedoch fuhr sie die Bahnhofstraße ab Blockhausstraße. Zur Postkarte.

Kurve in die Salomonstraße
Auf in die heutige Innenstadt-West. Es hört sich unglaublich an, aber sie bog tatsächlich von der Bahnhofstraße in die Salomonstraße und dann gleich wieder in die Leipziger Straße.

Durch die Leipziger Straße
Auch das ist heute unglaublich. Jedoch findet man wohl heute noch die Befestigungen der Oberleitungen an den Häuserfassaden in der Leipziger Straße. Die Innenstadt-West war damals noch nicht reines Wohn- und vor allem Problemviertel, sondern flanierende Gründerzeit mit Geschäften, Werkstätten, Kleingewerbe. Zur Postkarte.

Landeskron Straße Richtung Demi
Die Ringbahn machte am Leipziger Platz einen Knick und fuhr zum heutigen Lutherplatz (damals noch Dresdner Platz) und weiter in die Bautzener Straße. Zur Postkarte.

Von der Bautzener Straße zum Demi
In der Bautzener Straße waren sogar zwei Linien unterwegs. Die Ringbahn. Und auch die Linie, die zum Kreisbahnhof fuhr (und später bis nach Rauschwalde). Zur Postkarte.

Um den Kaisertrutz ging es auf der Nordseite vorbei, was wir heute Busbahnhof nennen und dort weiter in den Obermarkt. Ich weiß, es wird immer unglaublicher. Zur Postkarte.
Ringbahn auf dem Obermarkt
Nun wirds verrückt. Die Ringbahn fährt durch die Altstadt. Heute unvorstellbar. Damals noch das Zentrum des Denkens! Hier tummelt sich vor allem noch eine zweite Linie. Die fährt bis zum Untermarkt. Unsere Ringbahn jedoch biegt in den Klosterplatz. Zur Postkarte.

Im Klosterplatz
Das würde heute ein tüchtiges Chaos geben, denn die Ringbahn fuhr zwar prinzipiell rechts, wechselte aber am Brunnen in der Kurve auf links. Zur Postkarte.
Über den Elli
Auch das wäre heute wohl in den ersten Wochen eine Sensation. Über die Ampel am Elli käme eine Straßenbahn. Zur Postkarte

Durch die Bismarckstraße
Und nun ist sie gleich die Runde rum. Nur noch durch die Bismarckstraße und zurück zum Mühlweg. Dann sind die 3,8 km geschafft. Zur Postkarte.

Fazit
27 Jahre kam man überall im neu gebauten Görlitz hin mit der Ringbahn. Und das elektrisch! Umweltbewusster ginge es wohl heute auch nicht mehr. Sollte es weiter voran getrieben werden, dass auf 15-Minuten-Städte gesetzt wird und Individualverkehr erschwert wird, dann könnten wir die Ringbahn wieder aufbauen. Heute unbezahlbar und von enormer Arbeitsleistung. Auf diese Weise wird jedoch fühlbar klar, was die Altvorderen hier geleistet hatten. Voraussetzung für die Ringbahn heute wäre: Keine Autos, damit die Straßen frei sind. Und kleine, kurze Bahnen, sonst wird es schwierig in den Kurven. Es bleibt also nur halb erstrebenswert. Als Touristenattraktion wäre es jedoch unschlagbar.
Eure schönen Kommentare
„Es ist schon erstaunlich wo die Elektrische damals alles so lang gefahren ist. An die Ecke hätte ich jetzt gar nicht gedacht.“
„Eine hervorragende Erinnerung“
„Aber zum Blockhaus ist sie nie gefahren. „Bischen“ zu steil.“
> „Der Stadtplan von 1897/98 sagt, dass sie dort langgefahren ist.“
„Völlig ungewohnt die Straßenbahn den Mühlweg entlang, aber irgendwie cool.“
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