Über die fehlende Dankbarkeit

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Eine kleine Geschichte, wie sie sich diese Woche in der Stadtbibliothek zugetragen hat. Es hätte aber auch können an jeder Supermarktkasse passieren oder/und besonders in Kommentarspalten im Internet. Etwas zum nachdenken!

Ich bin in der Stadtbibliothek und komme gerade mit 3 CDs zurück an den Tresen, da werde ich Ohrzeuge, wie ein älterer Herr die Bibliothekarin am Nachbarschalter rund macht, wie ein Buslenker. Laut und grob, ja hässlich ist er in seiner Wortwahl. Den Anfang hab ich verpasst und nun überschattet die Art des Mannes völlig mein Interesse auf den Inhalt. Ich fühle mit der armen Bibliothekarin. Wie kann man so sein? Egal welches Problem er hat, das ginge doch auch höflich zu klären!

Zu Hause denke ich nach.
Ich bin eigentlich so froh, dass es die Bibliothek gibt. 92.000 Medien (eher mehr) haben sie im Bestand. Ich empfinde die Bibliothek als meinen externen Medienbestand und die Bibliothekarinnen sind seine Hüterinnen. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste den Teil der 92.000 Medien, der mich interessiert, hier bei mir horten – um Gottes Willen. So ist es doch total genial gelöst: Alle können alles ausleihen, niemand muss es bei sich rumstehen haben und ein immer freundlicher Schwung Frauen kümmert sich um alles. Hätten wir es nicht vor 100 Jahren erfunden, müssten wir es schleunigst tun. Geht es also besser? Wie kann man da nicht dankbar sein?

Ähnlich ist das auch mit den Straßenbahnen.
Manchmal nachts bin ich die einzige Mitreisende. Dann gibt es nur den Straßenbahnfahrer und mich, selbst draußen ist meist keiner mehr zu sehen. Liebevoll nenne ich in diesen Momenten die Straßenbahn mein XXL-Taxi. Und für 1,60 Euro bringt mich der Fahrer mit dem riesen Ding auf extra gebauten Gleisen und mit funktionierenden Oberleitungen durch Kälte und Regen und manchmal beschwibbst sicher nach Hause. Und immer bin ich total dankbar für diesen Moment. Gäbe es das nicht, müsste ich laufen oder eben durch den Regen Rad fahren.

Der Gedanke ließe sich unendlich fortsetzen:
Gäbe es die Schwimmhalle nicht, müsste ich mir einen eigenen Pool bauen oder könnte nie in warmen Becken schwimmen.
Gäbe es die Männer und Frauen auf dem Friedhof nicht, müssten jeweils die Familienangehörigen für jede Leiche von Hand eine Grube ausheben.
Gäbe es die Straßenarbeiter nicht, würden wir über schlammige Wege und bestenfalls Schotterpisten versuchen angestrengt vorwärts zu kommen.
Gäbe es Musiklehrer nicht, würde kaum jemand ein Instrument spielen. Ohne Musik kann man sich jedoch auch gleich einen Strick nehmen.
Gäbe es all die Ehrenamtler nicht, würde so viel Kurzweil und Geselligkeit, aber auch Freizeitgestaltung und Wissenszuwachs fehlen.
Gäbe es die Müllabfuhr nicht, würden wir die nächsten Gruben buddeln.
Gäbe es die Stadtwerker nicht, würden wir jeden morgen am Brunnen Wasser holen gehen, den Nachttopf in die dritte Grube kippen und abends mit der Kerze da sitzen, am Lagerfeuer, weil es so dunkel und kalt ist.

Oder wir müssten eilig all das und noch mehr erfinden.

Irgendwann haben wir als Menschheit an diesem Ort uns dazu entschieden, als Stadt zusammen zu leben und verschiedenste Dinge zu entwickeln. Und nun gibt es all die feinen Leute, die spezialisiert verschiedene Aufgaben übernommen haben, damit es für alle so wunderbar funktioniert. Vor allem, damit man nicht all das selber machen muss.

Ich fürchte, unterwegs haben allerdings Teile der Bevölkerung verlernt, dankbar dafür zu sein. Wir sehen Angestellte, Ehrenamtler und Mitmenschen unserer differenzierten Stadtgesellschaft viel zu oft als popelige Dienstleister, die wir beschimpfen, verachten und anzinken können. Und wir regen uns über alles auf, was entweder ist wie es ist oder aber noch nicht ist.

Wir sehen nicht mehr, dass all das ist und das es fühlende Menschen sind, die es pflegen und für uns alle ermöglichen. Wir verschwenden einfach keinen Gedanken daran, wie es wäre, wenn wir das alles selber machen müssten. Genau dieser Gedanke führt jedoch schlagartig in die Dankbarkeit und in ein Gefühl größten Reichtums. Wir sind so beschenkt von alle dem.

Wer die Hüterinnen meines/unseres externen Medienbestandes angreift, hat etwas Wesentliches von Grund auf nicht verstanden.
Görlitz am 12.02.2020

Die schönen Kommentare dazu

” Danke. Dankbarkeit gehört unbedingt zu den l(i)ebenswerten Soft Skills. Ich spüre das oft, diese Dankbarkeit, und auch die Freude darüber, was Menschen so alles für einen tun. Wir sind dadurch so unendlich reich. “
” Was bist Du für ein feiner Mensch. Uns immer mal wieder sanft und fröhlich darauf hinzuweisen, in welchem Luxus wir gebettet sind. “
” Ein großer Dank den freundlichen Frauen und Männern in der Stadtbibliothek. <3″
” Und gäbe es dich nicht mit deinen immer wieder interessanten und vor allem zum Nachdenken anregenden Beiträgen, – wäre vielleicht der ein oder andere (auch ich) vielen Dingen gegenüber gedankenlos! Also, – danke für den „Aufrüttler“ und danke an alle, die einfach ein großes DANKE verdient haben, wie zum Beispiel die Mitarbeiterinnen (auch meiner!) Stadtbibliothek 👍”
” Ein sehr schöner Text über die Bibo und alle die anderen guten Geister der Stadt. Ich bin fast versucht den Text an die Leiterin der Bibo zu schicken… LG”

… und so ist es dann auch passiert.


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