Die Fäkalentsorgung bevor das Klärwerk kam

Pflasterung-Bruederstrasse-Görlitz
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Viel mehr, wie die große Dürre 1857 und 1858, hatte mich im Vortrag von Wolfgang Stiller aber die Fäkalentsorgung der Stadt Görlitz begeistert – und zwar im Zeitraum bevor 1910 das Klärwerk in Betrieb ging. Hierzu zunächst ein Exkurs ins Mittelalter zu einer Geschichte, welche unsere Stadtführer gern erzählen.


Die Rinne auf der Straße

Schaut mal, die Brüderstraße wurde so gepflastert, dass man heute noch eine Vorstellung von einer Rinne auf der Mitte der Straße hat. Im Mittelalter landete alles auf der Straße! Der Inhalt des Nachtopfes genauso, wie Abfälle aller Art. Alles wurde in diese Rinne geschüttet. Heute würden wir sagen: Abwasser, Brauchwasser, Braune + Schwarze Tonne, Kompost.

Unvorstellbar, welcher Geruch an heißen Sommertagen über so einer Stadt gelegen haben muss – und am Saum der Gewänder klebte. Der Regen spülte den Dreck der Stadt dann den Berg hinunter, in die Neiße und davon. War ja alles bio. So erklärt sich die “besondere” Pflasterung der Brüderstraße.
Ein Beitrag vom 9.10.2016

Aus dem Schönhof geguckt.

Das Tonnensystem ab 1873

In seinem Buch “Von Brunnen, Zisternen und Rohrbütten zum Wasserwerk in Görlitz” schließt nun Wolfgang Stiller die gedankliche Lücke zwischen Mittelalter mit Rinne auf der Straße und Inbetriebnahme des Klärwerkes 1910. Und das ist das Tonnensystem.

Mit der Öffnung der Stadtmauer ab 1848 begann die Stadt rasant zu wachsen. Man kam gar nicht so schnell hinterher, Kanäle anzulegen und wollte auch (vorerst) diese Kosten sparen. Und so wurden ab 1873 die Grundstücksbesitzer verpflichtet, ein Tonnenabfuhrsystem einzuführen.

Die Grundstücksbesitzer kamen dieser Verpflichtung allerdings nur sehr zögerlich nach und so wurde ein Ökonomieinspektor eingesetzt, der die neue Verordnung durchsetzen sollte. Also auch das ist nicht neu ;-). 1890 gab es 4.248 Tonnen in 1.647 Haushalten. 1902 dann 7.271 Tonnen auf 2.558 Grundstücken.

Die Tonnenabfuhr

Irgendwann war die Tonne voll und musste abgeholt werden. Dafür gab es die Tonnenabfuhr. Es gibt ein paar Zahlen zu einem solchen Tonnenabfuhr Unternehmen. Das arbeitete mit 7 Wagen und 7 Pferdegespannen. Beschäftigt waren 21 Leute: Ein Schirrmeister, 7 Kutscher, 3 Ausheber und 10 Tonnenwechsler. Innerhalb von 5 Tagen wurden 2.200 Tonnen entleert, die ein Fassungsvermögen von bis zu 150 Kilo hatten. Die Tonne wurde nach Entleerung auf den Pferdewagen desinfiziert mit einer Spühlung aus Karbol- und Schwefelsäure. Falls sich nochmal jemand über seinen Arbeitsplatz beschwert – immer an die Tonnenabfuhr denken!

Seit dem Vortrag frage ich mich übrigens, ob der Ausspruch: “Das kannste in die Tonne kloppen” vielleicht mit diesen Tonnen zu tun haben könnte…?

Die Pferdegespanne brachten die Sch**ße zu 6 Entladestellen im Umland. Und dann? Dann fand das menschliche Entprodukt nochmals guten Absatz bei den Gutsbesitzern im Umland als Dünger. Und so karrte man die Görlitzer Sch**ße bis Seidenberg, Lomnitz, Rietschen, Horka und anderswo. Schon 1878 ließ sich also “aus Scheiße Gold machen”.

Die Einführung des Wasserklosetts ab 1878

Ein echtes Problem war die Einführung des Wasserklosetts und der Wasserbäder in den Haushalten – mit Fertigstellung des Wasserwerkes 1878. Bei so viel Wasser, waren die Tonnen ständig voll. Das Tonnensystem kam also an seine Grenzen. Zeitgleich waren die Schwemmkanäle vielfach noch nicht vorhanden oder viel zu klein.

Eine nächste Bauwelle setzte ein, bei der die Stadt ihr unterirdisches Kanalsystem bekam, was bis heute Brauchwasser und Schmutzwasser getrennt ableitet. Da gibt es sehr schöne historische Fotos davon. Hier mal eins von der Heiligen Grab Straße und hier eins von der Christopf Lüders Straße. 1910 wurde dann das Klärwerk in Betrieb genommen. Auch davon gibt es historische Fotos, hier. Tja, und so ist es vom Grundprinzip bis heute.

Auch dazu möchte ich ein Video unseres Regionalfernsehens anbieten:


Das spannende Buch gibt es in der Stadtbibliothek, beim Verlag und im Görlitzer Buchhandel.

Erschien 2018 im Verlag Gunter Oettel

Eure schönen Kommentare zur Pflasterung der Brüderstraße

” Daher kommt auch das schöne Wort Kotflügel. Es war tatsächlich ein an den Kutschen angebrachter Schutz vor aufspritzendem Unrat. “
” Interessant! Habe mich schon immer gewundert, was das eigentlich soll, diese Mitte. “
” DANKE ! Und daher dann auch die Seuchen … im MA. Und mit Einführung der Kanalisation und etwas Hygiene deren Rückgang ! “


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