Nachrufe auf Dr. Ernst Kretzschmar

Dr-Ernst-Kretzschmar-Goerlitz
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Ein ganz kleiner Mann mit ganz großem Geist voller Görlitzer Stadtgeschichte ist von uns gegangen:
Dr. Ernst Kretzschmar *26.8.1933 – † 4.12.2020, R.I.P. 🌈
Hier ein paar Nachrufe von Wegbegleitern, Kollegen und Freunden.
Inzwischen gibt es auch die Grabstelle (siehe ganz unten).

Nachruf der Görlitzer Sammlungen für Geschichte und Kultur

“Nachruf auf Dr. Ernst Kretzschmar, unseren langjährigen Kollegen im Kulturhistorischen Museum

Im 88. Lebensjahr verstarb am Morgen des 4. Dezember 2020 Dr. Ernst Kretzschmar. Zwanzig Jahre lang arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Stadtgeschichte in den Städtischen Kunstsammlungen. Auch in seinem Ruhestand blieb er über viele Jahre dem Museum verbunden.

Nach Abitur und Lehrerstudium an der Pädagogischen Hochschule Potsdam war Ernst Kretzschmar zunächst als Lehrer an der Erweiterten Oberschule in Görlitz, heute Joliot-Curie-Gymnasium, tätig. Hier entstand auch seine Promotion zur Geschichte der Erziehung, er verteidigte seine Schrift mit Summa cum Laude, der bestmöglichen Note. Seine Forschungsarbeit mündete in die Veröffentlichung des Heftes “450 Jahre höhere Schulbildung in Görlitz“. 1974 wechselte er in die Städtischen Kunstsammlungen, wo er bis 1995 als wissenschaftlicher Mitarbeiter eine ganz neue Seite des Museums entwickelte, das bis dahin eher von den kunsthandwerklichen und künstlerischen Sammlungen geprägt war. Er begann stadt- und alltagsgeschichtliche Dinge, Fotografien und Postkarten von Görlitz zusammenzutragen und diese in Ausstellungen wie „Zwischen Biedermeier und Märzrevolution“ oder „Unter dem Hakenkreuz“ zu zeigen. Gleichzeitig entstanden zu einzelnen Perioden der Görlitzer Stadtgeschichte Bildhefte, die noch heute äußerst beliebt sind.

Die Wiederentdeckung des Görlitzer Künstlers Johannes Wüsten als Maler und Schriftsteller führte zur Einrichtung einer gleichnamigen Museumsabteilung. Er knüpfte Kontakte zur Künstlerfamilie, die vom Museum fortgeführt werden. Als es in der DDR möglich wurde, war er einer der ersten, der die Forschung zur jüdischen Geschichte unserer Stadt gemeinsam mit dem damaligen Ratsarchivar Peter Wenzel förderte. Wenn wir in Kürze die sanierte Synagoge wieder weihen, dann sollte auch an Ernst Kretzschmar gedacht werden.

Besondere Leidenschaft widmete er dem Jugendklub „Johannes Wüsten“. Mit den Theateraufführungen von Wüstens „Verrätergasse“ 1977 zu den Museumstagen der Arbeiterjugend zeigte er sein Talent zu Regie und Schauspiel. Kaum ein Museumsfest oder eine Museumsnacht (sh. Foto von der Langen Nacht des Reisens 2009 in der Rolle des Christoph Lüders) verging, ohne dass Ernst Kretzschmar als Görlitzer Kaufmann oder Herr von Schachmann vor dem Publikum stand. Vor allem mit der langjährigen Museumspädagogin Ingrid Rosin bildete er ein kongeniales Paar – Otto und Frieda, das Türmerehepaar (sh. Foto von der Museumsnacht 2005 mit Ingrid Rosin auf dem Reichenbacher Turm).

In den 1990er Jahren wurden die Veranstaltungsreihen Seniorentreff und Heimatgeschichtliches Wochenende am Museum begründet. Beide fanden zahlreiche Teilnehmer. Einmal monatlich standen Führungen, Vorträge, aber auch Kulturgeschichtliche Spaziergänge auf dem Plan. Manch einer mag sich noch an die Führung durch das „Geheimratsviertel“ oder nach Moys erinnern. Mit seinen Themen traf er genau das Interesse der Görlitzer. Vielleicht auch, weil Dr. Ernst Kretzschmar immer Pädagoge blieb. Es war ihm wichtig, egal ob als wissenschaftlicher oder freier Mitarbeiter des Museums, nicht nur Geschichte zu vermitteln, sondern Heimatliebe zu fördern. Mit seiner Tasche über der Schulter, in der ein Diaprojektor und eine große Kiste mit Bildern verstaut waren, zog er durch die Stadt zum Blindenverband, Einwohnergemeinschaften, Altenheimen oder Kirchenverbänden. Er hielt Vorträge zur Görlitzer Stadtgeschichte und erreichte damit viele Menschen. In den letzten Jahren beteiligte sich Ernst Kretzschmar an Görlitzer Theaterspektakeln wie „Der Gottesacker blüht“ oder dem nächtlichen Sagenrundgang. Unvergessen wird er als Herr von Schachmann zu den Königshainer Heimatfesten bleiben und natürlich als wichtigster Autor in den Stadtbildheften. Deren Herausgeber wurden zu einer zweiten Familie für Dr. Kretzschmar.

Für die Mitarbeiter des Museums hatte er bis zuletzt ein offenes Ohr, stand mit Rat und Tat immer zur Seite oder gab Hinweise auf wichtige historische Quellen.Lieber Dr. Kretzschmar, gerne denken wir an all die wundervollen, kreativen und inspirierenden Stunden mit Ihnen!”
(Görlitz den 8.12.2020)

Nachruf von Evelin Mühle, Leiterin des Städtischen Friedhof Görlitz

“Zum Tod von Dr. Ernst Kretzschmar

Eine Erinnerung von Evelin Mühle, Leiterin des Städtischen Friedhofes in Görlitz

Ich weiß nicht, wie viele Friedhofsführungen wir miteinander gemacht haben … zu Kriegsgräbern und den Kriegsgeschichten, zu Frauen der Görlitzer Stadtgeschichte, zu Kaufleuten und Industriellen … Bei jeder Einzelnen habe ich etwas von seinem großen Wissen in mir aufnehmen können und immer wieder habe ich gestaunt, was in dem kleinen Kopf alles steckt. Ein bemerkenswerter, kluger und feinsinniger Mensch ist gestorben.

Ich erinnere mich an Friedhofsführungen, bei denen er, es sollte möglichst keiner merken, um Fassung rang und manchmal dann doch eine kleine Träne an der Wange hatte … wenn er die zusammengefaltete Landkarte zeigte mit dem Durchschuss und dem Blut … wenn er am Grab der Loll’s im Urnenhain an seine eigene Heimat dachte … wenn er Tucholskys Gedicht „Mutterns Hände“ vorlas.

Ich erinnere mich, wenn er in Vorbereitung dieser Führungen fröhlich in meinem Büro saß und sagte „heute geh ich nochmal, aber irgendwann werde ich ja bleiben.“

Nun bleibt er. Und er bekommt einen Platz ganz nah an der Anlage mit den Kriegsgräbern des 1. Weltkrieges. Ein Ort, der ihm immer wichtig war.”
Görlitz, den 9.12.2020

Traueranzeige der VHS

StadtBILD Nr 210 aus Januar 2021

Das StadtBILD Heft Nr 210 widmet sich in 10 Seiten Dr. Ernst Kretzschmar.

Meine eigene Erinnerungen

Einmal noch: Stadtführung mit Dr. Ernst Kretschmar.
Als Historiker war er immer an den offiziellen Quellen und Fakten interessiert und hebelte manche Sage als Volksglaube aus (Video).

In der Rolle des Historikers und Erzählers wirkte er viele Jahre bei den “Sagen Spielen” des Aktionskreis für Görlitz e.V. mit im historischen Gewand. Oder auch beim Theater auf dem Nikolaifriedhof als Erzähler und bei den jährlichen Führungen auf dem Friedhof (zum Volkstrauertag und anderen Themen).

Ich habe versucht alle seine Stadtführungen mitzumachen. In den letzten zwei Jahren hatte er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück gezogen. Ich hab heute nochmal meine Bibliothek gestreichelt, in der sehr viele seiner Bücher und Schriften, an denen er mitwirkte, stehen. Ich hoffe sehr, seine Privatsammlung fließt in die OLB oder ins Museum ein und bleibt so der Öffentlichkeit erhalten und zugänglich. Niemand jedoch wird es je so kombinieren und vortragen können, wie Ernst (87).
*und jetzt heule ich doch 😭 *
(Görlitz, 4.12.2020)

Das Grab

Für Dr. Ernst Kretzschmar waren die Gräber der Gefallenen des 1 WK auf dem neuen Friedhof ein wichtiger Ort. Nun fand er seine letzte Ruhe ganz in der Nähe an der Mauer zur Friedhofstraße. Und seltsam: Es ist eine Gemeinschaftsanlage und der letzte Urnenplatz wurde viele Jahre nicht belegt, als wäre er für ihn frei geblieben.

Unserem langjährigen verdienstvollen Autor und Freund, StadtBILD Verlag
Mauer zur Friedhofstraße. Rechts bei der Holztafel. Da ist er noch nicht vermerkt und kommt auch ohne “Dr” drauf. Das ist so bei Gemeinschaftsanlagen.
Wenn man sich umdreht, hat man diese Ansicht auf die Gräber des ersten WK.

Eure wertschätzenden Kommentare

“Ich hab ihm sehr viel zu verdanken. Er hat mir einige Wege geebnet unter anderem zu meiner ersten Lesung, mein Interesse für alte Filme gefördert und er war mir ein wertvoller Gesprächspartner der mir auch schon viel Wissen zum dem Ort mitgegeben hat an dem ich jetzt lebe, wir haben gemeinsam im BiboVerein gearbeitet – die Liste ließe sich noch fortsetzen – ich bin sehr traurig. 😢😢”
“Das ist verdammt traurig zu lesen. Ich habe die nächtlichen Sagenwanderungen als Kind sehr geliebt. Ruhe in Frieden.”
“Oh das ist traurig zu lesen. Er war ein ganz wundervoller sehr gebildeter Herr. Ich habe eine zeitlang im selben Haus gelebt wie er. Er hat an Ostern, Nikolaus und Weihnachten allen Nachbarn kleine Präsente vor die Wohnungstür gestellt. Eine Geste die ich mir übernommen habe, weil ich es so herzlich fand. Möge er in Frieden ruhen 🕯”
“Ein ganz toller Mensch. Möge sein Wissen uns erhalten bleiben. R.I.P.”
“Eine traurige Nachricht. Herr Kretschmer war ein kluger bewundernswerter und zugleich immer freundlich und bescheiden wirkender Mensch. Möge er in Frieden ruhen und mein herzliches Beileid für die Hinterbliebenen.”
“Unvergessen seine Sagenführungen . Denke gern daran zurück. Möge er unvergessen bleiben.”
“Ein ganz großartiger, toller Mann!!! Er war eine wahre Bereicherung und ein wandelndes Geschichtsbuch!”
“… vor ca. 50 Jahren: Museumsjugendklub 😀 Er konnte so toll erzählen, hatte unendliches Wissen zu Görlitz, war ein intelligenter feiner Herr. Ruhe in Frieden 🕯”
“Wie traurig ist diese Nachricht. Eine wichtige Persönlichkeit in Görlitz.”
“Ein toller Mensch. Danke für all das viele Wissen. Ruhe in Frieden.”
“Er kannte Görlitz wie seine eigene Westentasche. und vieles mehr.
Er war Görlitz!
Hatte ihn mal als Lehrer in der Volkshochschule für ein Lehrgang gehabt. Das war immer sehr interessant und unterhaltsam. Ruhe in Frieden und herzlichens Beileid an die Familie und Angehörige!”
“Da kommen viele Erinnerungen an einen wunderbaren Geschichtsunterricht- er hielt nach dem Ruhestand noch viele interessante Vorträge, von denen mir meine Mutter dann immer vorgeschwärmt hat – „ein feiner Mann“ beschreibt ihn wohl am besten”
“Dieser Mann hat mir historisch so viel über Görlitz beigebracht und in einer Art und Weise wie es kein Zweiter konnte. RIP”
“Man konnte ihm so gut zuhöhren, seine Erzählungen fühlten sich so an als ob man mitten im Geschehen steht. 😥”
“Das war zu Letzt seine größte Sorge, was passiert mit seinen Sammlungen. Sein Wunsch war das eine Bücherei in Zittau seine Bücher bekommt. Ob er aber Kontakt dahin aufgebaut hatte weiß ich leider nicht. Er gab mir auch Einblicke in sein letztes geplantes Buch. Die Seiten und Bilder waren schon ordentlich in einer Mappe. Und die Texte,” die hab ich alle schon hier oben drin” – und zeigte auf seinen Kopf 😊 schade dass er es nicht mehr zu Ende bringen kann….”
“Ein sehr grosser Verlust. Ich habe ihn mehrmals erlebt und bin so froh darüber.”


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