Görlitz hat sich rasant verändert in den letzten Jahren. Hier ein Blick auf den Stand Anfang 2026.
Ursachensuche
Ein Mix aus verschiedenen Ursachen wird verantwortlich sein für die aktuellen Entwicklungen:
Massenhafte Abwanderung in den 90ern und 2.000ern
In den Jahren nach der politischen Wende 1989 verließen tausende Görlitzer ihre Stadt. Der Grund war die Schließung nahezu aller Arbeitgeber und die enorme Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit (in ganz Ostdeutschland!). 72.237 Einwohner hatte Görlitz 1990. 54.042 nur noch 2013 (der bisherige Tiefpunkt). Heute fehlt besonders die Altersgruppe der 30 – 50 Jährigen. Jene, die Geschäfte und Gastronomie betreiben könnten, aber auch Firmen gründen und Arbeitsplätze schaffen. Görlitz hat noch in den 2.010er Jahren ganze Blöcke rausgerissen, weil die Stadtentwicklung ein massives Schrumpfen der Einwohnerzahl prognostizierte.
Die Gebliebenen
Geblieben war 1989 eine verhältnismäßig hohe Zahl an Alten, Schwachen, Hilfsbedürftigen. Görlitz hat 7.080 Menschen in Bedarfsgemeinschaften (also vom Amt unterstützt) im Oktober 2025. Eine konstant hohe Zahl, die im Januar 2010 bereits bei 5.845 Menschen lag. (Quelle). Das sind immerhin 12% der Einwohner.
31.062 Kinder und Rentner
Diese enorme Zahl, nämlich 10.561 Kinder und Jugendliche sowie 20.501 Senioren ü60 steht wenigen Werktätigen gegenüber (Stand Dezember 2025). Gerade mal 25.673 im wertschöpfenden Alter wohnen in Görlitz – abzüglich der 7.080 Menschen im SGB.
Im März 2010 sah das noch so aus: 8.331 Kinder und Jugendliche (bis 20 Jahre) sowie 18.395 Senioren ü60, zusammen also 26.726 Kinder und Rentner. Und dem gegenüber standen 28.429 im werktätigen Alter. Damals noch zu 97 % deutsch und nur 5.845 im SGB.
Ein einziger Tag in einer polnischen Stadt macht klar, welche Altersgruppe fehlt: Junge Menschen im besten Alter und Familien.
Viele Rentner 37 Jahre nach 1989
Viele Menschen, die 1989 noch in Saft und Kraft standen, haben sich inzwischen in die wohlverdiente Rente verabschiedet. Oftmals ohne, dass die Lücke ersetzt werden konnte.
Ausländische Neuzugänge
Im Januar 2010 lag die Zahl der ausländischen Einwohner bei 1.835. Mit Beginn der „Flüchtlingskrise 2015“ explodiert diese Zahl von 2.979 Ausländer im Januar 2015 auf 4.274 Ausländer im Dezember 2015. Inzwischen sind wir bei 9.680 Ausländern im Januar 2026. Sie wollen und können oftmals ihr Leben selbst in die Hand nehmen und tun dies sichtbar.
Wegzug der Jugend
Konstant hoch ist die Zahl der Jugendlichen, die die Stadt nach der Schulzeit verlassen. Görlitz verzeichnet jeden Monat ca. 350 Fortzüge (Januar 2026). Eine Zahl, die sich seit 2010 nicht wesentlich geändert hat (Januar 2010 = 260).
Zuzüge von Senioren und Ausländern
Den Wegzügen stehen die Zuzüge gegenüber. Sie bestehen aber vornehmlich aus Senioren aus dem Deutschen Bundesgebiet, die hier ihren Lebensabend verleben wollen. Der andere Teil sind die bereits genannten ausländischen Staatsbürger. Die Gruppe der Senioren startet hier nicht nochmals durch. Die ausländischen Bürger sehr wohl.
Das Häusel im Grünen
Wer finanziell konnte, verließ in den letzten Jahren die Stadt in Richtung „Grünen Gürtel“. Gemeint sind die Gemeinden im Umland. Görlitz hat jeden Tag ca. 9.900 Ein und Auspendler und inzwischen eine Rushhour (Zahl: Januar 2019). Der Löwenanteil sind Arbeitsnehmer, nicht Laden und Gastro-Betreiber.
Doppelt so viele Todesfälle, wie Geburten
Und auch das ist seit 2010 konstant: Es sterben im Schnitt ca. 70 – 80 Menschen pro Monat, es werden aber nur 25 – 30 Babys geboren. Seit Jahrzehnten! Tendenziell sterben wir aus und puffern es nur durch benannte Zuzüge.
In Summe führen all diese Faktoren (und sicher weitere mehr!) zu Leerstand und Ladenschließungen – und einer erwartbaren Neubelegung der freien Flächen!
1599 – 1890 – 2026
Mich hat in der Recherche zu Jakob Böhme folgendes fasziniert:
„Am 24. April 1599 hatte sich der Meister als Bürger von Görlitz eintragen lassen und war damit die Verpflichtung eingegangen, binnen eines Halbjahres zu heiraten und ein Haus zu erwerben. Nach der Hochzeit am 10. Mai folgte am 21. August der Erwerb des Hauses auf der damaligen Rabengasse, heute auf der Zgorzelecer Uferseite gelegen.“ (Quelle)
Und weiter: „Am 24. April 1599 erwarb Jacob Böhme die Bürgerrechte von Görlitz und kaufte für die stolze Summe von 600 Görlitzer Mark Bürgerrecht, Schuhbank, Wohnhaus und Einrichtung. Dreizehn Jahre lang verkaufte er hier seine eigenhändig produzierten Schuhe.“
Görlitzer konnte er nur werden, indem er hier Wohnhaus und Arbeitsstätte kaufte und anfing selbsttändig für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten.
Der Ansatz der Gründerzeit ab 1890 war, dass Menschen Häuser besaßen, bewohnten und in kleinen Läden und Werkstätten arbeiteten. Alles vor Ort. Eine Stadt voller (Existenz-)Gründer. „Gründerzeit“ eben. Das war 1890 – 1910ff, als Innenstadt und Südstadt genau für diesen Zweck hochgezogen wurden.
2026 ist wohnen in der Gründerzeit (Innenstadt und Südstadt) für 27.000 Menschen nicht mehr besitzen, sondern mieten. Nicht arbeiten, erschaffen und anbieten, sondern bewohnen. Die Häuser gehören anderen, die Läden und Werkstätten sind teils umgebaut oder abgerissen. Der Gründer-Geist ist längst verflogen und auch keinerlei Notwendigkeit mehr vorhanden, wie noch 1544 oder um die Jahrhundertwende.
Das „neue“ Görlitz
Zu all diesen ansich suboptimalen Bedingungen, kamen die Corona Jahre und die vielen Geschäftsaufgaben seit 2020. Die Schließungen habe ich bereits dokumentiert (2019 – 2023 , 2024 , 2025, 2026 ). Hier nun der Blick auf die Entwicklung an diesen Standorten:
Berliner Straße 32
… war zunächst das Capitol Kino und Rüdigers Gaststätten. In den 2.000ern war es der Nachtclub „California“ und später „La Notte“, „Dayli Motion“ (bis 2017) und „Nightlife“. 2020 baute es ein Imbiss Besitzer um, der erst auf der gegenüberliegenden Straßenseite war. Seit Januar 2021 befindet sich hier ein Döner.
(48.310 Aufrufe, 158 Likes, 12 davon wütend, 15 weinen, 88 Kommentare zu diesem fraglichen Wandel)

Berliner Straße 20
… befand sich bis Dezember 2020 „Singer & Pfaff“, eines der ältesten Geschäfte auf der Einkaufsstraße. Es war ein Kurzwaren Laden mit Nähzeug. Jetzt ist dort ein Barbershop.
(21.073 Aufrufe, 61 Likes, davon 15 wütend, 10 weinen)

Berliner Str. 56
Bis Ende Mai 2024 war in der Berliner Str. 56 das DailyFein, ein Feinkostladen mit ganz rühriger Inhaberin, die vor allem lokale Produkte und das „Besondere“ von Messen mit nach Görlitz brachte. Zuvor war an dieser Stelle die „JeansWelt“. Nun ist hier ein Barbershop.
(24.152 Aufrufe, 72 Likes, davon 30 wütend, 14 weinen)

Postplatz 14
…war seit 1993 die „Brasserie“. Diese schloss im März 2020 im Zuge der Corona Maßnahmen. Im November 2023 kam der Löbauer Bäcker „Schwerdtner“ hinein und eröffnete ein Frühstücks- bis Nachmittags Café.
(15.597 Aufrufe, 113 Likes, niemand weint oder ist wütend)

Theaterpassage
Viele Jahre war in der Theaterpasage das „Lollos“. Ich weiß noch, wie in den Anfang 2.000er ein Freund von mir den Ausbau begleitete und schwärmte, dass sowas Görlitz noch nicht kennt. Ein langer Tresen durch den ganzen Raum, kleine Tische, clubbig, „in“. 2022 kam nach dem Lollos das „Bikini“ hier her, das mehrfach angeblich schloss und dann doch nicht. Seit März 2025 haben wir an dieser Stelle das „Taumii“, ein Sushi und Asia Laden. Die Betreiber Tuan Vu Dang und Ngoc Hoang Vi betreiben zwei weitere Taumiis in Zittau und Hoyerswerda.
(25.248 Aufrufe, 185 Likes), niemand weint oder ist wütend)

Neißstraße / Kränzelstraße
An der Ecke Neißstraße / Kränzelstraße war viele Jahre „Jakobi’s Färbe“. Es folgte das „Barbecue“ ein Burgerladen mit deutschen Betreibern, die in der Straßburgpassage gestartet waren. Sie schlossen im Juni 2024. Seit August 2025 ist hier nun ein Italiener zu finden, der von dem Türken Hasan Beyaz betrieben wird.
(26.146 Aufrufe, 122 Likes)

Neißstraße 21
… hieß seit 1995 „Zum Pauker“ und war eine deutsche Gaststätte. Ende 2020 schloss sie. Seit November 2025 ist es das spanische Restaurant „Viva La Vida“. Betreiber und Küchenpersonal lernen noch deutsch. Hier gibt es Paella und Parrilla, Tapaz und Wein.
(29.024 Aufrufe, 180 Likes, davon 10 Herzchen)

Neißstraße 22
Die „Schwarze Kunst“ auf der Neißstraße war eine Institution seit den 90ern. Hier gab es gute deutsche Hausmannskost und viele Stammtische. Trotz einiger Betreiberwechsel blieb das Konzept immer erhalten. 2024 schloss der letzte deutsche Betreiber. Dann war es kurzzeitig eine „Mediterane Küche“. Inzwischen serviert die neue Inhaberin Justyna Korc polnische und deutsche Küche, sowie Grillspezialitäten.
(33.711 Aufrufe, 211 Likes, 11 Herzchen)

Weberstraße 2
Das „Café Herzstück“ in der Weberstraße schloss endgültig 2025 nach 10 Jahren an diesem Standort als erstes veganes Café von Görlitz. Sofort ging der Umbau los. Nun ist dort das „Innuedo“. Dies ist eine vegane, alkoholfreie Bar, die Dinko Skopljak betreibt, ein gebürtiger Jugoslawe.
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Weberstraße 10
In der Weberstraße 10 war von 2013 bis Januar 2016 Ina Lachmann Chefin, die Hotelbetreiberin am See. Zuvor hatten es Familie Bach vom Bioladen betrieben. Nach 2016 nannte es sich „Kugel Café, Bistro & More“ und wurde von Familie Merker betrieben. Das waren eigentlkich die schönsten Jahre mit Lesungen, Sommerkino, Eisbecher und Konzerten im herrlichen Innenhof und auch manche Auftaktveranstaltung oder geschichtlicher Vortrag fand hier statt. Ein (Veranstaltungs-)Ort der Begegnung und des Wissens.
Im Juli 2020 wurde es umbenannt in „Neiß“. Im Juni 2021 übernahm es eine Buchhändlerin und wollte dieMischung aus Café und Buchladen versuchen. Im Februar 2024 war damit Schluss. Im Oktober 2024 übernahm es die ukrainische Konditorin Oleksandra Titiievska und nannte es „Café Emilia“ nach ihrer Tochter. Seit dem gibt es dort Kuchen. Ihre Angestellten sind aus der Ukraine und Moldawien. Dafür wurde sie 2024 zur „Person des Jahres“ gewählt von der Tageszeitung.
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Hugo-Keller-Straße
Der „Goldener Engel“ auf der Hugo-Keller-Straße, bekannt durch die Strophe eines Görlitzer Liedes, ist seit September 2025 ein südamerikanisches Steakhaus. Die Betreiber sind aus Venezuela. Venezulaner haben wir inzwischen 110 (Stand Dezember 2025) in Görlitz.
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Steinstraße 10
In der Steinstraße 10 öffnete im Dezember 2023 ein Süßigkeiten-Laden mit CBD-Artikeln. Im November 2025 schloss der Betreiber wieder und suchte einen Nachfolger. Seit Februar 2026 haben wir hier neue Betreiber. Ein deutsches Pärchen führt die Idee von Süßigkeiten und Geschenken fort. Da gibt es sogar ein Video.
(19.776 Aufrufe, 66 Likes)

Demianiplatz 9
In den 20er Jahren war am Demianiplatz 9 mal die Kneipe „Zum Echten“, bevor sie ins Wilhelmtheater umzog. In den 2.000ern kam ein Burger King. Der hielt sich jedoch an dieser Stelle nicht. Es folgte ein Mobilfunkladen 2008. Auch der ist Geschichte. Um 2024 kam ein Shop mit Hanf-Produkten, auch der ist weg. Nun ist dort ein Barbershop drin.
(19.604 Aufrufe, 68 Likes, davon 17 wütend, 13 weinen)

Fazit
Von 13 vorgestellten Neubelegungen in Innenstadt und Altstadt sind noch genau 2 in deutscher Hand. Wir erleben einen Umbau unserer Geschäfte und Gastronomie, unserer ganzen Bevölkerung.
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