Das Haus mit dem neuen Zauber Salon

Cafe Helgoland 1894
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Görlitz ist in der glücklichen Lage, die alten Adressbücher der Stadt von 1850 bis 1950 lückenlos zu besitzen und das in digitaler Form. Das heißt, JEDER kann darin recherchieren: Nach Bewohnern, nach Häusern, nach Wegen, nach Verwandten, nach früheren Mietern, nach Gewerbe. Ein unfassbarer Fundus. Als hätte jemand das gesamte Einwohnermelde-Register und alle Gewerbeanmeldungen 100 Jahre lang ausgedruckt. Hier ist die Geschichte der Bahnhofstraße 41, in die der neue Zauber Salon einzieht.

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„Ich kann ja mal…“
1. Wir planen eine Stadt
2. Wir bauen eine Stadt
3. Wir benutzen eine Stadt
3.1. Weiter ohne die Augustastraße 18
3.2. Der erste Blick ins Hausbuch
3.3. 7 Jahre Café Helgoland
3.4. Die „Augusta-Hallen“ und Weinhandlung
3.5. Erster Weltkrieg 1914 bis 1918

„Ich kann ja mal…“

Das war mein Satz, als ich bei der Vorpremiere zum neuen Zauber Salon Bahnhofstraße 41 war. Letztlich versprach ich dem Zauber Ralph und dem Hausbesitzer, Herrn Dege, mal zusammenzutragen, was sich zu „ihrem“ Haus finden lässt. Und auch beim Einsturz der Moltkestraße 21 habe ich in die alten Adressbücher geguckt. So sind mir diese Bücher immer wieder dankbares Arbeitsmittel.

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1. Wir planen eine Stadt

Ab wann existiert das gesuchte Haus? Das ist stets die Einstiegsfrage. Hier braucht es Kenntnis über die Stadtgeschichte, ein paar alte Stadtpläne, eine Zahl am Giebel des Hauses oder alte Unterlagen. In diesem Fall hatte ich keinen Hinweis und habe mich über alte Stadtpläne voran gehangelt.

Auf dem alten Stadtplan von 1867 ist die Görlitzer Innenstadt erstmal nur eine „Idee“. (Wir haben bereits ausführlich miteinander darauf rumgeguckt, hier.) Die Augustastraße ist noch namenlos. Die Bahnhofstraße noch weitgehend unbebaut.

Stadtplan Görlitz 1867

Auch schön: Der Wilhelmsplatz ist noch der „Neu-Markt“. Die beiden werden mal ein schönes (kaiserliches) Namensdoppel abgeben: Kaiser Wilhelm und Gattin Augusta.
Auch spaßig: Die Berliner Straße ist noch die Packhof-Straße. Die Konsulstraße noch die Kohlstraße. Und die Jakobstraße noch die Jakobs Straße. Selbst die Bahnhofstraße ist noch die Bahnhofs-Straße. Gleiches gilt für die Landskronstraße (nicht im Kartenausschnitt). Von wegen Sprachfehler. Alte Namensgebung!!! Das macht doch Freude. Und so setze ich also mit der Suche frühestens ab 1867 ein, vor 159 Jahren.
Die Adressbücher 1850 bis 1866 können getrost vernachlässigt werden. Da wurde die Innenstadt noch „geplant“.

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2. Wir bauen eine Stadt

Im Adressbuch 1872 startet so langsam der Bauboom in der Innenstadt.
Die Bahnhofstraße ist nun unterteilt in „Innere Bahnhofstraße“ und „Neuere Bahnhofstraße“. Viele Häuser/Grundstücke haben noch keine richtige Hausnummer, sondern tragen ihre Hypothekennummer. Das ergibt Einträge wie Nr 1070 oder Nr 1685. Das ist erst einmal verwirrend – aber nur so lange, bis man das Prinzip versteht.
Im selben Adressbuch sind erste Eckhäuser auf der „Berliner Straße“ als solche benannt. Ich gehe schwer davon aus, das Eckhaus Bahnhofstraße 41 ist noch gar nicht da.

Deswegen auf ins Adressbuch 1874.
Da bekommen wir einen schönen Hinweis. In diesem gigantischen Bauboom der Gründerzeit hat man die Stadt in Bezirke eingeteilt. Demnach fällt die Bahnhofstraße Nr 41 in Bezirk 9: „Consulstraße, Wilhelmsplatz, Bahnhofstraße zwischen Jakobsstraße und Blockhaus.“

Und wir können diese Bahnhofstraßen besser lokalisieren. Die „Innere Bahnhofsraße“ ist zwischen „Berliner Straße, Krölstraße und Rauschwalder Chausee“ – die suchen wir nicht! Bleibt noch die „Neuere Bahnhofstraße“. Es ist wie ein Krimi, in dem man sich Schritt für Schritt voran hangelt.
Eine Augustastraße kennt das Adressbuch noch nicht.

Deswegen weiter mit Adressbuch 1877 und 1880. Beide bleiben ohne nennenswerte Treffer.

Ab Adressbuch 1883 tut sich was!
Die Augustastraße ist namentlich aufgeführt im Bezirk 9!!! Wer sich hier an Wikipedia orientiert, ist verloren. Das lügt, die Augustastraße sei 1930 benannt worden. Merke: Immer in die Originalquellen gehen. Ins Wikipedia kann jeder schreiben, oft auch Humbuck.

Im Kapitel „Häuserbuch“ (das für uns spannende!) existieren nun Augustastraße Nr 2 und Nr 10. Dazu Hypothekennummer 2216 und 2179. Ab jetzt können wir dem Viertel beim wachsen zusehen!!!
Auf der „Neueren Bahnhofstraße“ tut sich noch nicht viel und alles hat Hypothekennummern. Schwierig, dort eine Nr 41 auszumachen. Da nirgends ein „Eckhaus“ gekennzeichnet ist, gehe ich weiterhin davon aus, es ist 1883 noch nicht da.

Weiter gehts mit dem Griff in die Popcorntüte und wir suchen im Adressbuch 1886 – mit wenig Veränderung.

Spannend wird es wieder im Adressbuch 1889.
Die ganze Innenstadt von Görlitz ist eine einzige Baustelle. Das Adressbuch hat eine Neuerung: Es teilt die Augustastraße in „links vom Wilhelmsplatz aus gesehen“. Diese Seite interessieren uns gar nicht. „Links von der Bahnhofstraße aus“ ist UNSERE interessante Ecke. Hier sind es nun 9 Häuser, allerdings nur Hypotheken-Nummern. Wir müssen weiter warten, bis sich das Nummern Kuddelmuddel auflöst.

Gleiches gilt nun in der Bahnhofstraße. Sie unterteilt sich nicht mehr in „Innere“ und „Neuere“ Bahnhofstraße, sondern ist jetzt vom Brautwiesenplatz bis Blockhaus die „Bahnhofstraße“. Sie wird ordentlich geführt als „Links von der Landskronenstraße aus“ – UNSERE Ecke. Sowie „links vom Blockhaus aus“ – falsche Seite! Aber bisher nur Hypotheken-Nummern, keine Nr 41.
Weiter gehts!

Aber jetzt wird vieles klarer im Adressbuch von 1891.
*hurra, viele der Hypotheken-Nummern haben sich in echte Hausnummern gewandelt. Die Augustastraße ist binnen 2 Jahren kräftig gewachsen. „Links von der Bahnhofstraße aus“ gibt es jetzt Nr 17 – 35 fast vollständig. Es fehlt nur 30, 31 ,32 – die sind noch Baustellen. Wir gucken auf die Augustastraße 18, das ist das Nachbarhaus zu unserer Bahnhofstraße 41.
Die Augustastraße Nr 18 ist derzeit Baustelle.

Auf der Bahnhofstraße („Links der Landskronstraße aus“) herrscht hingegen noch das wenig hilfreiche Hypotheken-Nummern-Durcheinander.

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3. Wir benutzen eine Stadt

Das Adressbuch 1893 weiß, Augustastraße 18 steht und auch unser gesuchtes Haus Bahnhofstraße 41 ist da, bewohnt und benutzt. Ab jetzt können wir uns Eigentümer und Mieter angucken sowie die Gewerbeeinheit im Parterre!!!

Das war ein langer Weg bis hier her:
Öffnung der Stadtmauer (Ende der 1840er Jahre).
Planung Demianis für die Straßenzüge (vor 1946, da ist er gestorben).
Stadtplan 1876 mit der ersten Festlegung der Straßenzüge.
Erstes gebautes Haus in der Augustastraße (1883).
Fertige Ecke Augustastraße Nr 18/Bahnhofstraße Nr 41 im Jahr 1893 nach (vermutlich) zwei Jahren Bauzeit.
Es sind 47 Jahre in der Stadtentwicklung vergangen.
Wie heißt es so schön: „Rom wurde nicht an einem Tag erbaut“. Görlitz auch nicht!

3.1. Weiter ohne die Augustastraße 18

Bis hier her hab ich sie mitbetrachten, weil man ein Eckhaus schlecht bauen kann, wenn seine direkten Nachbarn noch nicht da sind. Ab jetzt heißt es ciao und adieu der Augustastraße 18. Der Blick richtet sich jetzt nur noch auf die Bahnhofstraße 41.

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3.2. Der erste Blick ins „Hausbuch“

1893 sieht es hier wie folgt aus:

Das Kapitel „Hausbuch“ liest sich wie folgt:
Der Peschel, Ernst, ist Kaufmann, wohnt in der 3. Etage und ist der „E“ wie Eigentümer.
Er hat Mieter:
Großmann, Oskar, ist Ausschänker, wohnt in „P“ wie Parterre.
Kohnke, Augusta, geborene Milz, ist Rentiere im 1. OG („Rentiere“ heißt, sie lebt von Einkünften, nicht von Rente).
Und so geht es weiter die Stockwerke hinauf. Wir haben noch einen Kaufmann, einen Lehrer, ein Privatier, einen Buchhalter, einen weiteren Kaufmann, eine Witwe mit Einkünften und eine Kantors-Witwe.
Das dürfte die Erstbesatzung im Haus sein.

Im Folgenden betrachte ich nur noch Parterre („P“) und den Eigentümer („E“), denn wir wollen ja wissen, was im Zauber Salon drin war.

Parterre der Bahnhofstraße 41, 2026

Das Haus hatte zwei Gewerbeeinheiten. Über die Ecke den heutigen Zauber Salon. Und dann noch eine kleine Ladeneinheit, deren Schaufenster der Zauber Salon derzeit nutzt.

Laden Bahnhofstraße 41, 2026

Aber gab es 1893 schon einen Laden oder eine Kneipe?
Der Treffer kommt im Kapitel „Gewerbeeinheiten“. Unter „Restaurant“ wird aufgeführt:

Unser Hausbesitzer Ernst Peschel, betreibt also auch das Café.

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3.3. 7 Jahre Café Helgoland

Weiter geht es durch die Zeit.
Im Adressbuch 1896 gibt es einen Eigentümerwechsel: Kretschmar, Bruno, ein Drogerist gehört nun das Haus. Im Parterre ist nun Kulisch Adolf, ein Restaurateur (Restaurantbetreiber!). Und ja, er betreibt nun „Café Helgoland“

Im Adressbuch 1897/98 ist Hausbesitzer Kretschmar, Bruno avangiert zum „Kaiserlichen Drogerist“.
Weiterhin gibt es „Cafe Helgoland“. Jetzt betreibt es der Mehwald, Herrmann. Der wohnt auch mit im Haus.

Im Adressbuch 1899/1900 gehört das Haus Kretschmar, Katharina, Frau Drogerist. Vielleicht die Gattin von Bruno. „Cafe Helgoland“ ist noch da. Schon das 7. Jahr! Wer es betreibt, ist dieses Mal nicht aufgeführt.

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3.4. Die „Augusta-Hallen“ und Weinhandlung

Im Adressbuch 1901/1902 gibt es erneut einen Eigentümerwechsel: Schulz Robert, Kaufmann für Zigaretten Handlung gehört es jetzt. Und „Cafe Helgoland“ ist weg. Allerdings ist in Parterre der Altmann, Paul als Restaurateur aktiv. Und er betreibt nun *neu die „Augusta-Hallen“.

Der Schulz, Robert hat nicht lange gefackelt und auf der Bahnhofstraße 41 eine Weinhandlung eröffnet. Eine von 33 Stück bei 80.931 Einwohnern, die Görlitz 1900 zählte!
Ab jetzt gibt es hier also neben dem Café auch noch einen Laden.

Wir bekommen eine leise Vorstellung davon, was „Gründerzeit“ bedeutete. JEDER tat etwas sinnvolles.

Im Adressbuch 1902/1903 sowie im Adressbuch 1904/1905 gibt es keine Veränderung.
Weiter gehts im Adressbuch 1905/1906. Die „Augustahallen betreibt nun Baumann, Ernst.
Im Adressbuch 1906/1907 betreibt sie Frenzel, Emil.
Auch im Adressbuch 1907/1908 bleibt die Lage stabil in Sachen Eigentümer und „Augustahallen“.

Die nächste Bewegung setzt im Adressbuch 1909/1910 ein.
Herr Schulz hat nach 8 Jahren den Hausbesitz abgegeben, bleibt aber im Haus wohnen. Neuer Eigentümer ist nun Herr Pollack, W. aus Ostritz in Sachsen. Und auch die „Augustahallen“ haben einen neuen Betreiber: Herr Ratten, Mar.

Im Adressbucn 1910/1911 ist erneut Bewegung: Eigentümer bleibt Pollack. Der Betreiber der „Augusta-Hallen“ ist nun Leszczynski, Anton.
Im Adressbuch 1911/1912 gibt es zwei Eigentümer. Herr Pollack wohnt nun in Langenöls, bleibt aber weiter Eigentümer – zusammen mit Knobloch, Paul, einem Holzfäller. Die „Augusta-Hallen“ betreibt weiterhin der Leszczynski, Anton.

Im Adressbuch 1912/1913 bleiben die Eigentümer gleich. Die Augusta-Hallen betreibt erstmals eine Frau: Bayer, Helene. Und nun tut sich auch wieder was im „Zigarren-, Wein- und Spirituosenhandel“, den es ja auch noch als Ladengeschäft gab! Den betreibt nun Maushagen, Paul.

Im Adressbuch 1913/1914 wechselt erneut der Eigentümer. Nun ist es der Hänsel, Eduard, der auch gleich selbst die „Augusta-Hallen“ betreibt. Die „Zigarren-, Wein- und Spirituosenhandlung“ macht weiter der Maushagen, Paul.

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3.5. Erster Weltkrieg 1914 bis 1918

Görlitz kommt durcheinander. Männer ziehen in den Krieg, kommen nicht zurück. Und so gibt es Bewegung in der Bahnhofstraße 41.

Im Adressbuch 1914/1915 (sicherlich noch vor Kriegsbeginn aufgelegt) hat das Eigentum immer noch der Hänsel, Eduard und auch die „Augusta-Hallen“ betreibt er noch. Weg jedoch ist der Maushagen, Paul und mit ihm die „Zigarren-, Wein- und Spirituosenhandlung“. Nun wohnt im Parterre ein Drogeriebesitzer Bausch, Erich. Seine Drogerie heißt „Drogerie zum goldenen Becher“.

Dann gibt es kein Adressbuch mehr bis Ende des Krieges.
Wer soll es auch schreiben?
Was soll er auch reinschreiben?

Weiter geht es erst mit dem Adressbuch 1919/1920. Hänsel, Eduard ist noch da als Hausbesitzer und Betreiber der „Augusta-Hallen“. Aber die Drogerei ist weg, der Zigarrenhandel schon lange. Neu ist nun ein „Konfitürengeschäft“. Da hab ich mal gegoogelt: Hier wurden nicht nur Marmeladen verkauft, sondern auch Schokoladen und Tee. Ein Feinkostladen sozusagen! Betreiben tut ihn die neu eingezogene Raabe, Martha.

Und damit Endet die Ära der „Augusta-Hallen“. Es gab sie an dieser Stelle gesichert von 1901 bis 1919/1920. Das sind 20 Jahre. Ein ganzes Leben, von Kindesbeinen an bis zum Erwachsensein. Ein Anlaufpunkt für die Nachbarschaft, die Arbeiter, die Görlitz-Reisenden. In der Zeit hatten die „Augusta-Hallen“ 7 Betreiber. Das Haus selber hatte 4 Besitzer.
Und im selben Haus im kleinen Laden war ein „Zigarren-, Wein- und Spirituosenladen“, dann eine Drogerie und letztlich ein Feinkostgeschäft in diesen 20 Jahren.
Nichts scheint so beständig, wie der Wandel.
Damals, wie heute.

Vielleicht, aber nur vielleicht, ging es sogar noch ein winziges bisschen länger mit den „Augusta-Hallen“, denn das nächste Adressbuch erscheint dann erst 1923 (4 Jahre später) mit einer kleinen Überaschung:

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Die Möbeltischlerei von Claire Rousseau…

Diese Serie wird fortgesetzt.

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