Historische Straßennamen und ihre Bedeutung

Bruederstrasse-Goerlitz-Frank-Fichtner
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Historische Straßennamen lassen sich in verschiedene Gruppen einordnen. Wenn man dieses Prinzip einmal verstanden hat, versteht man jede mittelalterliche Stadt. Ein ähnliches Prinzip lässt sich auch auf Personennamen (Nachnamen) anwenden. Aber gucken wir uns die Altstadt von Görlitz an:

Straßenbezeichnung nach Berufsgruppen

Eine schöne Art, Straßen so zu bezeichnen. Man bekommt direkt eine Vorstellung von dem Mittelalterlichen Görlitz und wo die Gewerke sich befanden.

Apothekergasse – seit 1760. Erstmals gab es dort 1416 eine Apotheke. Die zog dann auf den Untermarkt und wir kennen sie heute (dort) als Ratsapotheke.
Bäckerstraße – seit 1309. Damals noch Bekere Gazze.
Büttnerstraße – erst seit ca 1650. Leitet sich von den Böttchern, den Fassmachern, ab.
Fischmarkt und Fischmarktstraße – seit 1767, da wurde der Heringsverkauf hier her verlegt.
Fleischerstraße – seit 1298 gab es in der Gegend Fleischbänke (Fleischereien unter freiem Himmel)
Handwerk – seit 1330, da noch „Gewand mecher Gazze“, also Tuchmachergasse. Sie siedelten hier und übten ihr „Handwerk“ aus.
Hotherstraße – seit 1305. Das geht zurück auf den niederländischen Begriff “hoter”, das meint Gerber, Häuter. Die Tuchmacher und Gerber hatten hier ihre Werkstätten und Färbestuben.
Karpfengrund – seit 1820. Zuvor Ratzensprung und Hechtschlund, dann Karpfenschlung. Hier wurden lebende Fische verkauft.

Karpfengrund Foto: ©Frank Fichter

Plattnerstraße – erst seit 1650 so genannt. Vorher „Kniegasse“ bzw meist als Teil der Büttnergasse geführt. Hier wohnten die Plattner und Harnischmacher. Das gehört zur Berufsgrupe der Waffenschmieden. Sie waren für die Schutzausrüstung gegen stärkere Waffeneinwirkung zuständig. (Lauter kleine Ketten bzw. Metallplättchen).
Rosenstraße – benannt nach den Freudenmädchen, mehr dazu in einem extra Beitrag hier.
Schwarze Straße – hier gibt es zwei Versionen:
1. Nach den Buchdruckern, die hier arbeiteten und immer so schwarze Hände hatten von der Tinte.
2. Nach dem Bürgermeister Schwarze, der da wohl wohnte. Er war Bürgermeister 1491, 1496, 1500, 1504, 1507 und 1517.

Schwarze Gasse Foto: ©Frank Fichter

Sporergasse – ab 1728. Zuvor Wurstgasse und auch ab 1847 nochmal. Ein Sporer war ein Beruf, ähnlich wie der Schmied, nur für Kleinzeug zuständig. Er fertigte tatsächlich Reitsporen an, sowie alles, was zum Reitzeug dazu gehörte, wie Beschläge für Steigbügel, Zaumzeug u.s.w.

Sporergasse Foto: ©Frank Fichter

Weberstraße – Wohn- und Arbeitsort der Weber. Die siedelten sich vorzugsweise zwischen 1150 bis 1250 hier an.

Handelsplätze

Obermarkt – 1250 angelegt. Im 14. Jahrhundert war dort die “Neustadt” und dieser Platz noch der “Neumarkt”. Ab 1846 war die “Neustadt” die neu aufkommende Innenstadt. Und ab 1978 war das “Neubauviertel” Königshufen. Wir können ausknobeln, welche Ecke wir als nächstes so nennen – einfach immer die neueste 😉 . Seit 1717 dann einheitlich als Obermarkt bezeichnet.
Untermarkt – 1350 noch als Niedermarkt bezeichnet. Und „nieder“ ist ja sowas, wie „unten“. Zumal der Obermarkt tatsächlich höher liegt. Also einer oben und einer unten.

Untermarkt Foto: ©Frank Fichter

Straßenbezeichnung nach Personen(gruppen) und Heiligen

Das kennen wir noch viel verstärkter aus der Zeit nach 1846 (Bau der Innenstadt). Einige solcher Personennamen haben sich auch ins mittelalterliche Stadtzentrum gemogelt, meist wurden sie neueren Datums vergeben.

Brüderstraße – nach den Franziskanerbrüdern aus dem einstigen Franziskanerkloster auf dem Obermarkt (Dreifaltigkeitskirche, Klosterplatz)

Brüderstraße Foto: ©Frank Fichter

Demianiplatz – nach dem ersten Oberbürgermeister Gottlob Ludwig Demiani, der 1786 bis 1846 lebte, ursprünglich aus Dresden. Der Platz heißt seit 1867 so.
Elisabethstraße – seit 1853, der Königin Elisabeth gewidmet, mehr dazu in einem Extra Beitrag hier.
Gottfried-Kiesow-Platz – Das war ein Denkmalpfleger, der 1931–2011 lebte, ursprünglich aus Alt Gennin. Der Platz heißt seit 2014 so.
Hugo-Keller-Straße – Das war ein populärer Redner der Sozialdemokraten, der 1842 – 1924 lebte, ursprünglich aus Breslau. Die Straße heißt seit 1953 so.
Jakob-Böhme-Straße – Bedeutender Philosoph, der 1575 – 1624 lebte, ursprünglich aus Seidenberg. Die Straße heißt seit 1985 so.
Jüdenstraße – seit 1300, Hinweis auf die Anwesenheit jüdischer Bürger. Extra Infos hier.
Nikolaigraben und Nikolaistraße – seit 1305. Alles in Bezug auf die Nikolaikirche. Der Nikolaus war ein Heiliger und zwar der Schutzpatron der Seefahrer, reisenden Händler und Kinder.
Nonnenstraße – Wohnsitz der Schwestern der Franziskanerordens, hier befanden sich auch zahlreiche Wohnhäuser von Schwestern aus Bautzen, Ostritz, Rothenburg, Kamenz, Goldberg und Nikolausdorf.
Verrätergasse – seit 1527 nach dem verräterischen Aufstand der Tuchmacher. Zuvor, seit 1435, war es die „Kleine Gasse“.

Verrätergasse Foto: ©Frank Fichter

Bezug zu Gebäuden

Wunderbare Richtungsangaben.

Annengasse – an der Annenkapelle, die so heißt nach der Heilige Anna. Sie gilt als Mutter Marias und damit als Großmutter Jesu Christi. Die Kapelle entstand 1508 und 1512.
Bei der Peterskirche – hinführend zu der 1230 erbauten Peterskirche.
Kirchgasse – bezugnehmend auf die Peterskirche.
Klosterplatz – am Kloster.
Klosterstraße – am Kloster.
Krebsgasse – Seit 1305, zurückgehend auf ein Haus, was sich „der Krebs“ nannte.
Peterstraße – Hin zur Peterskirche.

Angaben räumlich oder zur Landschaft

Hell, dunkel, grün, lang, breit, Berg, Wald, am Ufer u.s.w. Auch sehr schön, es so zu machen.

Bergstraße – geht steil hinauf/hinab.
Breite Straße – war einst nur eine Nebengasse, hatte dafür jedoch eine ziemliche Breite.

Breite Straße mit Blick in die Steinstraße Foto: ©Frank Fichter

Grüner Graben – seit 1550. Es war eine äußerst beliebte Spazierstrecke vor der Stadtmauer und bekam daher 1752 Linden gesetzt und Rasenbänke.
Hainwald – seit 375 nach Christi. Vermutlich lag hier ein Wald aus Hainbuchen. Es war ein heiliger Hain. In ihm eine Säule, welche die Göttin Isis symbolisierte. Die nun wieder brauchte man als Symbol für die fruchtbare Landschaft. All das war lange vor der Siedlung in der Nikolaivorstadt. Der Hainwald ist wohl die älteste Niederlassung der Stadt.
Helle Gasse – seit ca 1400 nannte sich der Teil der Langenstraße „die Helle“.
Kränzelstraße – seit 1501. Zunächst Gränzelgasse, was zurück geht auf den Begriff „grans“ und das ist eine Spitze oder ein Winkel. Auch hier wohnten Tuchmacher – im spitzen Winkel.
Krischelstraße – Krischeln (oberlausitzerisch) sind veredelte Schlehen.

Krischelstraße Foto: ©Frank Fichter

Langenstraße – seit 1298, damals als „longa platea“ bezeichnet (Lange Gasse), weil sie ungewöhnlich lang war.
Neißstraße – seit 1305, damals noch als Nizegasse. Natürlich die Straße, die zum Fluss Neiße führt.
Steinstraße – seit 1305. Die Straße liegt am heutigen Dicken Turm, zu dem es damals auch ein Tor gab. Und dieser Turm und dieses Tor waren aus Stein gebaut. Die Steinstraße führte zum Steintor am Steinturm.
Uferstraße – am Ufer des Flusses gelegen.

Angabe zu Ereignissen

Er wird noch mit zur Altstadt gezählt. Nun denn…
Platz des 17. Juni – geht zurück auf den Aufstand des 17. Juni 1953, der Straßenname wurde 2014 vergeben. Vorher war es Teil des Demianiplatzes.

Fotos von Frank Fichtner

Frank hat mit seinem Foto der Sporergasse die Inspiration zu diesem Beitrag gegeben. Alle Fotos stammen von ihm (©!!!). Sie lockern den Beitrag auf, damit ihr nicht so müde Augen bekommt. Danke Frank!

Quellen

Wo hab ich das so schnell hergezaubert?
Der Stadtbildverlag hat zwei Büchlein rausgebracht, die man noch antiquarisch bekommen kann.
Den Rest hat Wiki geliefert mit der Liste der Straßennamen von Görlitz.


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