Zur Geschichte des Hauses Moltkestraße 21

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Görlitz hat lückenlos die alten Adressbücher von 1864 – 1952. Darin vermerkt sind die Straßen mit Hausnummern, die Bewohner, der Berufsstand. Alles ist digitalisiert. Jeder kann selber bei der SLUB online durchs Archiv robben. Ich habe das mal getan:

11:00 Uhr: Zur Geschichte des Hauses
Görlitz hat lückenlos die alten Adressbücher von 1864 – 1952. Darin vermerkt sind die Straßen mit Hausnummern, die Bewohner, der Berufsstand. Alles ist digitalisiert. Jeder kann selber bei der SLUB online durchs Archiv robben. Ich habe das mal getan… weiterlesen hier.

Die Moltkestraße 21 hieß zunächst noch Sommerstraße. Hier ein Kartenausschnitt von 1867. Die Augustastraße war noch die Kohlstraße, zwischen Emmi und Blumenstraße floss noch ein Fluss, die Kahlbaum-Allee war noch die Promenade. Die 2. Med fehlt auch noch. Haus Nr 21 ist noch gar nicht da.


1868 sind die Häuser Nr 21, 22 und 23 Baustelle. Hier liegt die Geburtsstunde des Hauses. Es baut Thorer, ein Partikulier (Schiffseigentümer) und Stadtältester (ein Stadtrat). Herr Thorer wohnt übrigens selbst in Nr 24 und seine Nachbarn sind ein Kreisgerichtsrat, ein Rechtsanwalt, ein Brauer und ein Fräulein. Wir befinden uns durchaus in einer gehobenen Gegend!

Schauen wir weiter nach 1872. Die Straße heißt nun Moltkestraße. Haus Nr 21 ist fertig gebaut und bewohnt von Walter, ein Kaufmann. Und von Kunath, ein Hauptmann in der 6. Gendarmerie-Brigade (das war ein uniformierte und bewaffneter Polizist). Nr 22 und 23 sind noch Baustellen.

1874 wohnt in der Nr 21 noch immer Kaufmann und Lüders, ein Ingeneur. Es wird doch nicht DER Lüders gewesen sein, auf den der Waggonbau Görlitz in seiner 176 Geschichte zurück geht? Nr 22 ist inzwischen fertig und bewohnt. An Nr 23 wird immer noch gebaut. Das verdeutlicht uns, dass diese Häuser nicht über Nacht entstanden sind, sondern über Bauzeiten von 6 Jahren und ohne die heutige Technik errichtet wurden.

Ein letzter Blick auf 1877. Inzwischen wohnen dort Erben und Witwen. 9 Jahre sind vergangen nach der Errichtung. Das Rad der Zeit hat sich weiter gedreht. Dies ließe sich nun fortsetzen bis 1954.

158 Jahre Görlitzer Geschichte sind mit einem Knall weggefegt. 158 Jahre Pflege der Bausubstanz, Sanierung, Reperatur, Reinigung, Instantsetzung. 158 Jahre Leben, Liebe, Geschichten, Persönlichkeiten. 158 Jahre – das sind mindestens 7 Generationen von Görlitzern, die sich das Haus mit Verantwortung übergeben haben. Deswegen trifft uns (Ur-)Görlitzer dieses Ereignis in einer ganz anderen Tiefe, wie es für Außenstehende verständlich ist. Wir haben dieses Haus durch 2 Weltkriege und einen großen Baustoffmangel in der DDR bekommen. Auch das Gerüttel der Straßenbahn (Ringbahn von 1897 – 1917) konnte dem Haus nichts antun.

In einem Kommentar schrieb eine Frau: „Ein dunkler Schatten liegt über der Stadt.“ Ja. Es ist unbegreiflich, unvorstellbar und eigentlich unmöglich, wenn man in einer historischen Stadt wohnt mit so viel Schönheit und Geschichte – und so etwas passiert. Da ist nun eine Wunde im Stadtkörper und Stadtgedächtnis, die klafft. Und dies ist gleichzeitig passiert zum erschütternden Fakt, dass es drei Todesopfer gab.

1912, gleich das erste Haus rechts auf der Postkarte war Nr 21

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