Das Haus mit dem neuen Zauber Salon

Cafe Helgoland 1894
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Görlitz ist in der glücklichen Lage, die alten Adressbücher der Stadt von 1850 bis 1950 lückenlos zu besitzen und das in digitaler Form. Das heißt, JEDER kann darin recherchieren: Nach Bewohnern, nach Häusern, nach Wegen, nach Verwandten, nach früheren Mietern, nach Gewerbe. Ein unfassbarer Fundus. Als hätte jemand das gesamte Einwohnermelde-Register und alle Gewerbeanmeldungen 100 Jahre lang ausgedruckt. Hier ist die Geschichte der Bahnhofstraße 41, in die der neue Zauber Salon einzieht.

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„Ich kann ja mal…“
1. Wir planen eine Stadt
2. Wir bauen eine Stadt
3. Wir benutzen eine Stadt

„Ich kann ja mal…“

Das war mein Satz, als ich bei der Vorpremiere zum neuen Zauber Salon Bahnhofstraße 41 war. Letztlich versprach ich dem Zauber Ralph und dem Hausbesitzer, Herrn Dege, mal zusammenzutragen, was sich zu „ihrem“ Haus finden lässt. Und auch beim Einsturz der Moltkestraße 21 habe ich in die alten Adressbücher geguckt. So sind mir diese Bücher immer wieder dankbares Arbeitsmittel.

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1. Wir planen eine Stadt

Ab wann existiert das gesuchte Haus? Das ist stets die Einstiegsfrage. Hier braucht es Kenntnis über die Stadtgeschichte, ein paar alte Stadtpläne, eine Zahl am Giebel des Hauses oder alte Unterlagen. In diesem Fall hatte ich keinen Hinweis und habe mich über alte Stadtpläne voran gehangelt.

Auf dem alten Stadtplan von 1867 ist die Görlitzer Innenstadt erstmal nur eine „Idee“. (Wir haben bereits ausführlich miteinander darauf rumgeguckt, hier.) Die Augustastraße ist noch namenlos. Die Bahnhofstraße noch weitgehend unbebaut.

Stadtplan Görlitz 1867

Auch schön: Der Wilhelmsplatz ist noch der „Neu-Markt“. Die beiden werden mal ein schönes (kaiserliches) Namensdoppel abgeben: Kaiser Wilhelm und Gattin Augusta.
Auch spaßig: Die Berliner Straße ist noch die Packhof-Straße. Die Konsulstraße noch die Kohlstraße. Und die Jakobstraße noch die Jakobs Straße. Selbst die Bahnhofstraße ist noch die Bahnhofs-Straße. Gleiches gilt für die Landskronstraße (nicht im Kartenausschnitt). Von wegen Sprachfehler. Alte Namensgebung!!! Das macht doch Freude. Und so setze ich also mit der Suche frühestens ab 1867 ein, vor 159 Jahren.
Die Adressbücher 1850 bis 1866 können getrost vernachlässigt werden. Da wurde die Innenstadt noch „geplant“.

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2. Wir bauen eine Stadt

Im Adressbuch 1872 startet so langsam der Bauboom in der Innenstadt.
Die Bahnhofstraße ist nun unterteilt in „Innere Bahnhofstraße“ und „Neuere Bahnhofstraße“. Viele Häuser/Grundstücke haben noch keine richtige Hausnummer, sondern tragen ihre Hypothekennummer. Das ergibt Einträge wie Nr 1070 oder Nr 1685. Das ist erst einmal verwirrend – aber nur so lange, bis man das Prinzip versteht.
Im selben Adressbuch sind erste Eckhäuser auf der „Berliner Straße“ als solche benannt. Ich gehe schwer davon aus, das Eckhaus Bahnhofstraße 41 ist noch gar nicht da.

Deswegen auf ins Adressbuch 1874.
Da bekommen wir einen schönen Hinweis. In diesem gigantischen Bauboom der Gründerzeit hat man die Stadt in Bezirke eingeteilt. Demnach fällt die Bahnhofstraße Nr 41 in Bezirk 9: „Consulstraße, Wilhelmsplatz, Bahnhofstraße zwischen Jakobsstraße und Blockhaus.“

Und wir können diese Bahnhofstraßen besser lokalisieren. Die „Innere Bahnhofsraße“ ist zwischen „Berliner Straße, Krölstraße und Rauschwalder Chausee“ – die suchen wir nicht! Bleibt noch die „Neuere Bahnhofstraße“. Es ist wie ein Krimi, in dem man sich Schritt für Schritt voran hangelt.
Eine Augustastraße kennt das Adressbuch noch nicht.

Deswegen weiter mit Adressbuch 1877 und 1880. Beide bleiben ohne nennenswerte Treffer.

Ab Adressbuch 1883 tut sich was!
Die Augustastraße ist namentlich aufgeführt im Bezirk 9!!! Wer sich hier an Wikipedia orientiert, ist verloren. Das lügt, die Augustastraße sei 1930 benannt worden. Merke: Immer in die Originalquellen gehen. Ins Wikipedia kann jeder schreiben, oft auch Humbuck.

Im Kapitel „Häuserbuch“ (das für uns spannende!) existieren nun Augustastraße Nr 2 und Nr 10. Dazu Hypothekennummer 2216 und 2179. Ab jetzt können wir dem Viertel beim wachsen zusehen!!!
Auf der „Neueren Bahnhofstraße“ tut sich noch nicht viel und alles hat Hypothekennummern. Schwierig, dort eine Nr 41 auszumachen. Da nirgends ein „Eckhaus“ gekennzeichnet ist, gehe ich weiterhin davon aus, es ist 1883 noch nicht da.

Weiter gehts mit dem Griff in die Popcorntüte und wir suchen im Adressbuch 1886 – mit wenig Veränderung.

Spannend wird es wieder im Adressbuch 1889.
Die ganze Innenstadt von Görlitz ist eine einzige Baustelle. Das Adressbuch hat eine Neuerung: Es teilt die Augustastraße in „links vom Wilhelmsplatz aus gesehen“. Diese Seite interessieren uns gar nicht. „Links von der Bahnhofstraße aus“ ist UNSERE interessante Ecke. Hier sind es nun 9 Häuser, allerdings nur Hypotheken-Nummern. Wir müssen weiter warten, bis sich das Nummern Kuddelmuddel auflöst.

Gleiches gilt nun in der Bahnhofstraße. Sie unterteilt sich nicht mehr in „Innere“ und „Neuere“ Bahnhofstraße, sondern ist jetzt vom Brautwiesenplatz bis Blockhaus die „Bahnhofstraße“. Sie wird ordentlich geführt als „Links von der Landskronenstraße aus“ – UNSERE Ecke. Sowie „links vom Blockhaus aus“ – falsche Seite! Aber bisher nur Hypotheken-Nummern, keine Nr 41.
Weiter gehts!

Aber jetzt wird vieles klarer im Adressbuch von 1891.
*hurra, viele der Hypotheken-Nummern haben sich in echte Hausnummern gewandelt. Die Augustastraße ist binnen 2 Jahren kräftig gewachsen. „Links von der Bahnhofstraße aus“ gibt es jetzt Nr 17 – 35 fast vollständig. Es fehlt nur 30, 31 ,32 – die sind noch Baustellen. Wir gucken auf die Augustastraße 18, das ist das Nachbarhaus zu unserer Bahnhofstraße 41.
Die Augustastraße Nr 18 ist derzeit Baustelle.

Auf der Bahnhofstraße („Links der Landskronstraße aus“) herrscht hingegen noch das wenig hilfreiche Hypotheken-Nummern-Durcheinander.

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3. Wir benutzen eine Stadt

Das Adressbuch 1893 weiß, Augustastraße 18 steht und auch unser gesuchtes Haus Bahnhofstraße 41 ist da, bewohnt und benutzt. Ab jetzt können wir uns Eigentümer und Mieter angucken sowie die Gewerbeeinheit im Parterre!!!

Das war ein langer Weg bis hier her:
Öffnung der Stadtmauer (Ende der 1840er Jahre).
Planung Demianis für die Straßenzüge (vor 1946, da ist er gestorben).
Stadtplan 1876 mit der ersten Festlegung der Straßenzüge.
Erstes gebautes Haus in der Augustastraße (1883).
Fertige Ecke Augustastraße Nr 18/Bahnhofstraße Nr 41 im Jahr 1893.
Es sind 47 Jahre in der Stadtentwicklung vergangen.
Wie heißt es so schön: „Rom wurde nicht an einem Tag erbaut“. Görlitz auch nicht!

Diese Serie wird fortgesetzt.

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